7. Kapitel

In dem das Schnurxelchen einer aufregenden Geschichte lauscht.

Das Schnurxelchen kuschelte sich dicht an Onkel Ralf und schmiegte sich, leise vor sich hinbrummend, in eine besonders gemütliche Position, direkt in der Armbeuge von Onkel Ralfs linker Vorderpfote.

»Vor langer Zeit, als ich noch ein junges Eichhörnchen war, so alt ungefähr, wie du jetzt bist, hat mich mein Vater immer mitgenommen und mir den Wald gezeigt«, begann Onkel Ralf zu erzählen. »Das war immer sehr spannend, denn er erzählte mir jedes Mal sehr viel von den Tieren und den Pflanzen im Wald. Die Tiere fand ich immer besonders spannend, denn oft konnte ich sie beobachten, während er erzählte.

Da war zum Beispiel das Reh, das immer scheu umherschaute, ob nicht irgendjemand in der Nähe war. Der Fuchs, der sich auf den Weg zu einem Bauernhof der Menschen machte oder die Waldmäuse, die sich in ihren Erdhöhlen versteckten, wenn eine Eule in der Dunkelheit zwischen den Bäumen hin und herflog.

Eines Nachts, als mein Vater mich wieder mit in die Tiefen des Waldes genommen hatte, machte ich mich selbstständig und huschte davon, um den Wald auf eigene Faust zu erforschen.

Und wie spannend war es, von Ast zu Ast zu springen. Und so merkte ich gar nicht, wie ich mich immer weiter von zu Hause entfernte.

Auf einmal flatterte es laut und ein großer Habicht brach durch die Äste, geradewegs auf mich zu.«

Onkel Ralf machte eine Pause und blickte gedankenverloren vor sich hin.

»Du musst wissen, dass Habichte unsere natürlichen Feinde sind. Bei denen stehen wir Eichhörnchen auf dem Speiseplan.

Nun ja, da kam also der Habicht auf mich zu, und seine kleinen Augen sahen tückisch auf mich herab.

Ich verlor vor Schreck das Gleichgewicht und fiel von dem Ast, auf dem ich gerade noch gesessen hatte.

Ich fiel und fiel und mir wurde bewusst, wie hoch ich gewesen war. Ich drehte mich in der Luft – gerade noch rechtzeitig – und landete mit allen vier Pfoten auf dem Waldboden.

Glücklicherweise können wir Eichhörnchen sehr tief fallen, ohne uns zu verletzen. Aber kaum hatte ich mich umgesehen, hörte ich das zornige Krächzen des Habichts, der im Sturzflug auf mich zukam.

Ich rannte los, immer im Zick Zack und sah endlich unter einer der Wurzeln des Baumes eine Öffnung, gerade groß genug, dass ich hindurch passte.

Da kauerte ich nun in diesem Loch und wusste nicht weiter. Der Habicht pickte wieder und wieder mit seinem scharfen Schnabel nach mir, konnte mich aber nicht erreichen.

Ich zitterte und bebte und konnte keinen klaren Gedanken fassen.«

Wieder machte Onkel Ralf eine Pause und räusperte sich bedeutungsvoll.

»Da hörte ich ein Summen. Ganz merkwürdig war dieses Summen, beinahe wie eine Melodie. Eine Melodie, die man nur erkannte, wenn man ganz genau hinhörte.

Sie durchdrang mich, meinen ganzen Körper und ich spürte, wie ich immer ruhiger wurde, immer schläfriger.

Auch der Habicht hörte diese Melodie. Er wandte den Kopf ruckartig immer hin und her und versuchte, die Quelle des Summens zu finden.

Dann taumelte er einen kleinen Schritt zurück, schüttelte den Kopf, als wolle er das Summen verscheuchen. Und auf einmal breitete er beide Flügel aus, machte zwei, drei kräftige Flügelschläge, erhob sich in die Luft und war verschwunden.

Das alles nahm ich wie im Traum wahr und genauso fühlte ich mich auch. Mein ganzer Körper war so schwer und so träge. Und beinahe wäre ich eingeschlafen, als ich es plötzlich sah.«

Jetzt legte Onkel Ralf eine längere Pause ein und zog eine Haselnuss hervor, die er mit dem Schnurxelchen teilte.

Danach erzählte er weiter und das Schnurxelchen hörte atemlos zu.

»Auf mich kam ein Wesen zu, wie ich es noch nie gesehen hatte. Es lief auf zwei Beinen, genau wie du. Es hatte grüne Haare, genau wie du. Und genau wie du hatte es ein ganz leicht grün schimmerndes, kaum zu sehendes Fell – ja, es war ein Schnurxel, genau wie du.«

Jetzt konnte sich das Schnurxelchen nicht mehr beherrschen, unterbrach ihn und rief begeistert:

»Dann wurdest du von einem Schnurxel gerettet?«

»Ja«, antwortete Onkel Ralf lächelnd, »das wurde ich tatsächlich. Und wir wurden sehr gute Freunde.«

»Erzähl weiter!«, rief das Schnurxelchen aufgeregt, »was passierte dann?«

Und Onkel Ralf erzählte weiter.

»Das Wesen – dass es ein Schnurxel war, erfuhr ich ja erst später – kam auf mich zu und das Summen war mit einem Mal nicht mehr zu hören. Und kaum hatte das Summen aufgehört, als ich mich wieder gleich wacher fühlte.

Und da erkannte ich, dass es das Summen gewesen war, das mich und wohl auch den Habicht so müde gemacht haben musste.

Also, das Wesen kam auf mich zu und sagte mit einer sanften und ungeheuer freundlich klingenden Stimme:

›Hallo mein Kleiner. Du bist aber ein süßes Eichhörnchen.‹

Und ich antwortete: ›Vielen Dank für die Rettung, was bist du denn für ein Tier?‹

Da lachte das Wesen hell auf und korrigierte mich: »Ich bin kein Tier, ich bin ein Schnurxel.«

Du kannst dir sicher vorstellen, dass ich das Schnurxel ganz schön verständnislos angeschaut haben musste, denn es lachte wieder und meinte dann:

›Mach dir keine Gedanken, ich werde dir das alles noch in Ruhe erklären. Du bist also der kleine Ralf, das Eichhörnchen.‹

Da verwirrte mich nur noch mehr. Woher wusste das Schnurxel meinen Namen?

›Woher kennst du mich?‹, fragte ich, aber das Schnurxel antwortete mir nicht, sondern fragte nur:

›Kannst du mich zu Deinem Vater bringen? Ich muss mit ihm sprechen.‹

Also brachte ich das Schnurxel zu meinem Vater, der mich nach draußen schickte und mit dem Schnurxel alleine in unserer Höhle blieb.

Lange musste ich warten, aber irgendwann kamen beide wieder heraus und mein Vater blickte mich ernst an.

›Mein Sohn‹, sagte er, ›das ist Mama Schnurxel und ich möchte, dass du sie begleitest.‹ und ich antwortete fragend:

›Wieso denn? Und wohin überhaupt?‹

Und mein Vater erzählte mir, warum ich mit Mama Schnurxel mitgehen sollte, und dass wir uns bald wiedersehen würden.«

In diesem Moment wurde Onkel Ralf unterbrochen, denn es begann lautstark in den Ästen über ihnen zu quietschen und zu lärmen. Mindestens ein Dutzend kleiner Eichhörnchen sprangen von Ast zu Ast und mit abenteuerlichen Saltos direkt neben das Schnurxelchen und Onkel Ralf auf den Boden.

»Hallo Urgroßvater«, riefen die Eichhörnchenkinder und tollten wild durcheinander.

»Hallo meine Lieben«, antwortete Onkel Ralf gemütlich und fuhr dann fort »Schaut mal her, wir haben Besuch. Das ist ein kleines Schnurxelchen. Wollt ihr es mitspielen lassen?«

Das Schnurxelchen hätte viel lieber die Geschichte zu Ende gehört, aber es wurde von den Eichhörnchenkindern umringt, an den Händen genommen und davon gezogen.

»Kennst du das Spiel Baumfangen?«

Als das Schnurxelchen auf diese Frage hin verneinend den Kopf schüttelte, hüpften die Eichhörnchen wie wild durcheinander und ein anderes begann: »Das ist ganz einfach. Der Fänger darf die Bäume nicht berühren, und die anderen dürfen am Baum hochklettern, um sich zu retten. Dann müssen sie auf fünf zählen und danach wieder vom Baum herunter. Ok?«

Das Schnurxelchen nickte und bald war ein wildes Fangspiel im Gange.

Onkel Ralf betrachtete das Spiel eine Weile schmunzelnd, bis er das Schnurxelchen zu sich rief. Dann meinte er:

»Hör mal zu. Versuch mal dir vorzustellen, Deine Sprünge seien doppelt so weit, wie vorher.«

Das Schnurxelchen nickte verwirrt, schloss aber die Augen und versuchte sich vorzustellen, es könne doppelt so weit springen wie vorher. Dann öffnete es die Augen und sprang. Völlig vom Erfolg überrascht landete es, verlor das Gleichgewicht und kullerte mit drei Purzelbäumen über den Boden, bis der Schwung aufgebraucht war.

Unverdrossen rappelte es sich auf, konzentrierte sich wieder und sprang erneut. Diesmal klappte der Riesensprung fast perfekt und es musste bei der Landung nur noch einen kleinen Ausfallschritt machen um den Schwung abzufangen.

Der dritte Sprung war wirklich perfekt und fast noch etwas weiter als die vorherigen zwei Sprünge.

Und dann änderte sich das Fangspiel dramatisch. War vorher das Schnurxelchen fast immer sofort gefangen worden und hatte selbst keines der Eichhörnchenkinder fangen können, drehte sich der Spieß jetzt um und die Eichhörnchen spritzten wild quietschend auseinander, als das Schnurxelchen mit Riesensprüngen herankam und fast auf Anhieb eines der Kinder fing und abklatschte.

Der nächste Sprung brachte es dann zu einem Baumstamm, an dem es hochkletterte, bis 5 zählte und mit einem Rückwärtssalto wieder auf den Boden sprang.

Ja, jetzt hatte das Schnurxelchen einen Riesenspaß. Onkel Ralf lächelte still vor sich hin und machte sich auf den Weg nach Hause.

Nach ein paar Schritten drehte er sich aber noch einmal um und rief den Eichhörnchenkindern zu: »Dass ihr mir das Schnurxel aber bei Sonnenuntergang zu mir bringt.«

Und die Kinder riefen laut: »Ja, Urgroßvater.«

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In dem das Schnurxelchen etwas über Erdbeeren lernt.
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