4. Kapitel

In dem das Schnurxelchen lernt, wie weich Moos sein kann

Lange mussten die Vogelkinder Annabel, Benni, Charly und Desiree nicht stillhalten, denn als ob das Schnurxelchen den letzten Satz von Henry doch noch gehört hätte, wachte es schon nach einer halben Stunde wieder auf.

Der kugelrunde Bauch, den die Kirsche verursacht hatte, war verschwunden, und mit einem wohligen Gähnen streckte sich das Schnurxelchen im Nest aus.

»Es geht los«, zwitscherten die Vogelkinder wild durcheinander und Henry, der sich gerade mit seinem Schnabel sein Gefieder putzte, drehte sich mit einem kleinen Hüpfer zum Schnurxelchen hin.

»Und, hast du noch mitbekommen, was ich vorhin gesagt habe?«, fragte er.

»Hm …«, überlegte das Schnurxelchen, »ich glaube es ging ums Fliegen lernen, oder?« »Stimmt«, lobte Henry und fuhr dann fort, »Annabel, Benni, Charly, Desiree, ihr seid auch dabei!«

»Jippeee,« jubelten die Kinder und Charly, der Mutigste von allen, hüpfte wieder auf den Nestrand, wobei er diesmal ohne Hilfe das Gleichgewicht wiederfand.

Henry wartete, bis sich die vier endlich beruhigt hatten, und sagte dann in ernstem Ton:

»Das Wichtigste beim Fliegen sind eure Flügel. Es gibt zwei Arten, wie ihr eure Flügel einsetzen könnt. Das Erste ist der Segelflug. Ihr müsst eure Flügel ganz weit ausgestreckt halten und euch dann von der Luft tragen lassen. Die zweite Art ist etwas anstrengender, da müsst ihr schnell mit euren Flügeln schlagen, um wieder hoch fliegen zu können.«

Er blickte alle der Reihe nach an und fragte dann: »Wer will der Erste sein?«

Wie nicht anders zu erwarten war es wieder Charly, der sich stürmisch meldete und unbedingt der Erste sein wollte.

Weit streckte er beide Flügelchen aus und ließ sich aus dem Nest kippen.

Das Schnurxelchen hielt unwillkürlich den Atem an. Doch Charly, der ein kurzes Stück nach unten getrudelt war, fing sich schnell ab und sauste in einem eleganten Bogen wieder in Richtung Nest.

Die letzten Meter flatterte er wild mit den Flügeln und legte eine beinahe perfekte Landung hin, zumindest wenn man einen doppelten Purzelbaum ins Nest und Zusammenstoß mit den anderen Vogelkindern und dem Schnurxelchen nicht dazurechnete.

Als Annabel und Benni sich aus dem Gewirr gerettet hatten und gleichzeitig auf den Nestrand klettern wollten, stießen sie beide mit den Köpfchen zusammen und purzelten wieder zurück.

Henry rief beschwichtigend: »Nur die Ruhe, jeder kommt mal dran«, aber keiner hörte auf ihn.

Das Schnurxelchen kämpfte sich aus dem Tumult und schaffte es schließlich, sich auf den Ast neben dem Nest zu retten.

»Na«, schmunzelte Henry, »solange die anderen noch beschäftigt sind, würde ich vorschlagen, du probierst es einmal.«

Das Schnurxelchen lächelte unsicher und fragte dann: »Was muss ich denn tun?«

»Tja«, überlegte Henry, »so genau weiß ich das auch nicht, aber beim letzten Mal hat es ja eigentlich auch ganz gut geklappt.«

Dann neigte er seinen Kopf ein bisschen nach links und fuhr fort: »Am besten stoß dich einfach kräftig ab und spring.«

Das Schnurxelchen zögerte, gab sich endlich einen Ruck und sprang.

»Uiiiiiiiiiii«, rief es, denn der Boden kam wieder viel zu schnell näher. Diesmal half das Augen schließen nichts und das Schnurxelchen prallte wie ein Gummiball auf dem weichen Moos auf und flog mit hohem Bogen in eine Gruppe voller Pilze, die es sich auf den Wurzeln des Baumes gemütlich gemacht hatten.

Glücklicherweise sind Pilze ziemlich weich und so wurde der Schwung vom Schnurxelchen abgefangen und es blieb, nach Luft schnappend, liegen.

Henry, der schon erschrocken zu dem Schnurxelchen flattern wollte, atmete erleichtert auf, als sich das Schnurxelchen aufrappelte und verwirrt rief: »Ich glaube, das war kein Fliegen. Oder?«

Die Vogelkinder, die sich inzwischen am Nestrand versammelt hatten, sahen verwundert nach unten, denn sie hatten nicht mitgekriegt, dass das Schnurxelchen gesprungen und leider doch nicht geflogen war.

Henry hüpfte elegant vom Ast, fing seinen Fall kurz vor dem Aufprall auf und hob das Schnurxelchen vom Boden auf.

Oben am Ast angekommen, setzte er das Schnurxelchen ab und forderte es auf: »Los, probier es noch einmal, du siehst ja, das Moos ist weich, sodass nichts passieren kann.«

Den Rest des Vormittags hatte Henry viel zu tun, denn als die Vogelkinder den dritten Versuch vom Schnurxelchen begutachtet hatten, kam Charly auf die Idee, dass das mit dem ins Moos Springen eine ganz tolle Sache sein müsse.

Prompt rief er: »Kommt, lasst uns ins Moos hüpfen, der Letzte ist ein Feigling« und sprang hinunter.

Unten im Moos angekommen, rappelte er sich auf und piepte auffordernd zu Papi Henry, der geduldig herbeiflog und Charly wieder auf den Nestrand beförderte.

Das hätte er besser nicht getan, denn jetzt kam er nicht mehr zur Ruhe. Kaum hatte er Charly abgeliefert, rief Annabel von unten und wollte abgeholt werden. Danach musste er Benni holen und anschließend Desiree.

Und schon war das Schnurxelchen, das inzwischen ebenfalls Spaß an der Sache gefunden hatte, wieder unten.

Als Mama Nicki gegen Mittag zurückkehrte, kippte Henry erschöpft ins Nest und rief: »So, jetzt ist aber genug! Mittagspause.«

Mama Nicki hatte natürlich nicht nur Würmer dabei, sondern hatte auch an das Schnurxelchen gedacht. Und so gab es die zweite Kirsche für das Schnurxelchen. Diesmal allerdings eine etwas kleinere.

Etwas später, als die ganze Runde schläfrig im Nest lag, meinte Henry zum Schnurxelchen: »Ich glaube, das mit dem Fliegen ist vielleicht doch nicht so einfach. Aber weißt du was? Ich glaube, wir bringen dich doch schon gleich heute zu Onkel Ralf. Er weiß bestimmt was wir tun müssen.«

weiter zum 5. Kapitel

In dem Onkel Ralf die Hauptrolle spielt.

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In dem das Schnurxelchen die Nestbewohner kennenlernt.
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