3. Kapitel

In dem das Schnurxelchen die Nestbewohner kennenlernt.

Als Henry das Nest erreichte, war das Schnurxelchen tief und fest eingeschlafen und wurde erst durch den Plumpser wach, mit dem es im Nest neben den vier kleinen Vogeljungen landete, die es mit lautstarkem Zwitschern begrüßten.

»Papa, Papa, wer ist das und wo sind die Würmer, die du uns versprochen hast?«, zirpte das Kleinste so schrill, dass sich das Schnurxelchen unwillkürlich die Ohren zu hielt.

»Ruhig, ruhig« rief Henry, wartete bis sich die Kleinen beruhigt hatten und sagte dann bedeutungsvoll:

»Das, liebe Kinder, ist ein Schnurxel, und genau wie ihr, muss es erst noch das Fliegen lernen.«

»Wie heißt es, wie heißt es?«, riefen die Vogelkinder durcheinander.

»Tja, das weiß es selbst noch nicht. Wie alle Schnurxel muss es sich seinen Namen erst verdienen«, antwortete Henry und sagte dann zum Schnurxelchen: »Das hier sind meine Kleinen: Annabel, Benni, Charly und Desiree.«

»Sehr erfreut« murmelte das Schnurxelchen höflich und wurde durch ein Flattern abgelenkt.

Mit einer eleganten Landung landete ein weiteres Vögelchen auf dem Nestrand. Dem Schnurxelchen fiel sofort auf, dass dem Neuankömmling die blauen Federn fehlten und die Halsfedern dafür eine hellbraune Färbung hatten.

»Na, wen haben wir denn da?«, zwitscherte es in etwas höherem Tonfall. »Wenn das kein Schnurxel ist, will ich kein Blaukehlchen sein.«

»Hallo Mama!«, riefen Annabel, Benni, Charly und Desiree einstimmig und das Schnurxelchen ergänzte höflich: »Guten Tag, Frau Mama.«

Henry schnäbelte kurz zärtlich mit der Mama und stellte sie dem Schnurxelchen vor: »Darf ich vorstellen, dies ist mein liebes Weibchen Nicki und sie ist die allerbeste Vogelmama, die man sich vorstellen kann.«

Charly unterbrach Henry und rief »Schau mal Mama, ich kann schon ganz alleine auf dem Nestrand balancieren!«, hüpfte mit einem Flatterer auf den Rand und wäre beinahe hinuntergefallen, wenn Henry nicht schnell mit dem Schnabel zugepackt hätte.

»Nun mal langsam. Nicht so stürmisch!«, schmunzelte er und zupfte ein kleines Flaumfederchen von Charlys Köpfchen.

Charly schüttelte sich kurz, um den Schreck zu verdauen, balancierte dann um den Nestrand und kuschelte sich behaglich an Mama Nicki.

»So, ich muss noch mal los und ein paar Würmer organisieren«, rief Henry schon halb abgeflogen. »Ich bin bald wieder da.«

Dem Schnurxelchen, das die Situation mit intessiertem Blick verfolgt hatte, fiel jetzt ein, dass es immer noch nicht da war, wo es eigentlich hätte sein sollen.

»Mama Nicki?« fragte es und Nicki antwortete lächelnd: »Ja, was gibt es denn?«

»Weißt du, wo mein Baby ist?«

»Was für ein Baby meinst du denn? Ein Vogelbaby?«, mischte sich Anabell ein.

»Ein Menschenbaby«, erklärte das Schnurxelchen etwas zögernd. »So wie ich, nur nicht grün – zumindest dachte ich das eigentlich.«

Nickis Lächeln hatte sich inzwischen verändert. Das Schnurxelchen hätte es nicht genau erklären können, irgendwie fühlte es sich jedoch getröstet, als Nicki das Wort ergriff:

»Ich weiß nicht wo dein Baby ist, aber vielleicht können wir dir helfen es zu finden. Wie sieht es denn aus?«

Und wieder zögerte das Schnurxelchen. Dann fiel ihm das Bild ein, aber vermutlich lag es wieder ordentlich auf dem Nachttisch, denn Mama Schnurxel hätte das Bild sicher wieder an seinen Platz geräumt.

›Mama Schnurxel ist immer so ordentlich‹, dachte das Schnurxelchen, das selber nie Lust zum aufräumen hatte, und lächelte unbewusst.

»Ich hatte ein Bild«, erklärte das Schnurxelchen, das sich wieder an die Frage erinnerte und fuhr dann fort: »Und eigentlich hätte ich bei meinem Baby aufwachen sollen.«

»Vielleicht ist ja gar kein Menschenbaby gemeint, sondern doch ein Vogelbaby«, rief Annabel dazwischen und kicherte. »Wir sind eh viel hübscher« und Desiree fügte hinzu: »Genau. Wir Vogelbabys sind viel toller.«

Mama Nicki beschwichtigte die beiden und sagte dann zum Schnurxelchen: »Ich bin sicher, dass sich alles aufklären wird. Nur Mut, das wird schon.«

In diesem Moment flatterte es wieder. Henry tauchte mit einem übermütigen Looping auf und landete zielsicher neben Mama Nicki. Mit einer großzügigen Geste ließ er je einen Regenwurm in Annabels, Bennis, Charlys und Desirees urplötzlich weit geöffnete Schnäbelchen fallen.

Jetzt merkte auch das Schnurxelchen, dass sein Magen ziemlich knurrte und als ob Henry es geahnt hätte, fiel eine hübsche riesengroße Kirsche, so groß, dass das Schnurxelchen gerade so mit den Armen darum herum greifen konnte, ins Nest.

»Ich glaube, Würmer sind nicht so ganz das, was du dir zum Essen gewünscht hast«, schmunzelte er. »Aber unser letztes Schnurxel war wie versessen auf diese roten Dinger.«

Das Schnurxelchen schnupperte kurz an der verlockend duftenden Frucht und biss dann kräftig hinein. Wie süß diese Kirsche schmeckte!

Jetzt waren alle Sorgen vergessen und das Schnurxelchen hörte nicht auf zu schmatzen und zu kauen, bis nur noch der Kern übrig war, der am Ende fein säuberlich abgeknabbert im Nest lag.

Wer gut aufgepasst hat, könnte jetzt sicher einwenden: ›Halt, das geht gar nicht, die Kirsche war doch viel zu groß‹, und ich würde entgegnen: ›Nicht zu groß für ein Schnurxel‹.

Ein Schnurxel hat nämlich einen besonderen Magen, er kann sich wie ein Luftballon ausdehnen. Ihr könnt euch sicher vorstellen, wie das Schnurxelchen jetzt im Nest lag, vom Essen so erschöpft, dass die Augen beinahe wieder zufielen.

»Du, Henry?«, murmelte es schläfrig.

»Bist du noch hungrig?«, fragte Henry.

»Ähm, nö, ich bin pappsatt. Du sag mal, weißt du vielleicht, wo mein Baby ist?«

Henry zögerte einen kurzen Moment und antwortete dann: »Nein. Leider nicht. Aber morgen werde ich dich zu jemanden bringen, der dir helfen kann.«

Dann neigte sich sein Köpfchen und mit verändertem Tonfall zwitscherte er:

»Zuerst aber bringen wir dir das Fliegen bei. Du musst zuerst lernen, dich zu konzen…«

Weiter sprach er nicht, denn das Schnurxelchen lag mit halbgeöffneten Augen vor ihm und verzog ab und zu den kleinen Mund zu einem kurzen Lächeln.

Da wusste Henry, dass das Schnurxelchen eingeschlafen war. Mit einem warnenden Schnabelwink zu Annabel, Benni, Charly und Desiree mahnte er die wild durcheinander piependen Vogelkinder zur Ruhe.

Verwirrt von der plötzlichen Stille zuckte das Schnurxelchen noch einmal, wachte aber nicht wieder auf.

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In dem das Schnurxelchen lernt, wie weich Moos sein kann

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In dem das Schnurxelchen eine überraschende Entdeckung macht.
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