2. Kapitel

In dem das Schnurxelchen eine überraschende Entdeckung macht.

Ein leises Zwitschern ertönte und bahnte sich keck einen Weg in die süßen Träume des kleinen Schnurxelchens.

Das Schnurxelchen zuckte unwillkürlich zusammen und murmelte schlaftrunken:

»Wo ist es, wo ist es«

»Wo ist was?«, zwitscherte es zurück.

»Na ja, das Baby«, antwortete das Schnurxelchen automatisch.

»Was für ein Baby?«, zwitscherte es wieder.

»Mein Baby«, kam es verwirrt zurück und wurde nach einem kleinen Moment ergänzt:

»Ich dachte, ich treffe hier mein Baby und nicht so einen komischen Vogel wie dich.«

»Was heißt hier komisch?«, schimpfte es beleidigt. »Ich bin nicht komisch, … komischer Vogel … Frechheit!«

Verwundert betrachtete das Schnurxelchen den Vogel. Uns Menschen wäre er klein erschienen, kaum größer, als dieses Buch. Verglichen mit dem Schnurxelchen, erschien er aber riesig. Wenn auch nicht so groß, wie Mama Schnurxel.

Die schwarzen Augen blickten gekränkt zu dem kleinen verwirrten Schnurxelchen.

Schöne blaue Federn schmückten den Hals und die Brust des Vogels. Und direkt unterhalb dieser Federn konnte man einen roten Streifen erkennen.

Es erinnerte sich daran, dass Mama Schnurxel ihm eingeprägt hatte, höflich zu sein und sich zu entschuldigen, wenn man jemanden unabsichtlich verletzte.

»Tut mir leid, ich wollte dich nicht beleidigen, das ist nur alles so anders.«

»Du bist also neu?«, fragte der Vogel und zwitscherte gleich freundlicher. »Scheinst noch jung zu sein, hast du denn schon einen Namen?«

Unsicher antwortete das Schnurxelchen. »Öhm, na ja, …«

»Ich wusste es!«, wurde es vom triumphierend lächelnden Vogel unterbrochen.

»Schon gut, mach dir keine Gedanken, du bist nicht unser erstes Schnurxel, wir helfen dir schon.«

Jetzt verwandelte sich die Verwirrung in Bestürzung.

»Woher weißt du von uns?« fragte das Schnurxelchen entsetzt, »keiner sollte von uns wissen! Was mach ich jetzt bloß?«

»Ach wie niedlich«, schmunzelte der Vogel und die feinen blauen Federchen vibrierten belustigt.

»Wie gesagt, mach dir keine Sorgen, du wirst noch alles erfahren. Jetzt lass uns erst mal losfliegen und auf dem Weg zum Nest noch ein paar Würmer aufsammeln, die Kleinen sind sicher hungrig.«

Verlegen wand sich das Schnurxelchen und sagte dann zögernd:

»Ähm, das mit dem Fliegen wird schwer. Ich kann nämlich nicht fliegen.«

»Hihi, weiß nicht, dass es fliegen kann!«, kicherte der Vogel, »na das wird ja lustig!«

Und ehe das Schnurxelchen sich versah, hing es in den Krallen des Vogels und sah den Boden unter sich kleiner werden.

»Hiiiilfeeeeee« schrie es aus vollem Hals und wurde jäh unterbrochen, als der eben noch weit entfernte Boden plötzlich unerwartet schnell wieder näher kam. Verzweifelt kniff es die Augen zu und spannte sich unwillkürlich, an um den Aufprall zu mindern.

Der Aufprall kam nicht.

Nach ein paar Sekunden öffnete das Schnurxelchen vorsichtig die Augen und stellte erstaunt fest, dass der Boden sich nicht mehr auf es zu bewegte. Direkt neben ihm flatterte es und der Vogel rief lachend: »Und? Kannst du nun fliegen, oder nicht?«

Tja, alle Indizien sprachen dafür, dass das Schnurxelchen fliegen konnte. Es konnte sich nur nicht erklären, wie und wieso. Denn um genau zu sein, kann ein Schnurxel wirklich nicht fliegen. Unser Schnurxelchen hat also schon recht gehabt, als es sagte, dass es nicht fliegen könne.

Ich will euch aber erklären, warum es trotzdem nicht abgestürzt ist.

Wenn wir Menschen irgendwo herunterfallen, dann kommen wir meist ziemlich schnell unten an. Ein Schnurxel aber kann sich einfach vorstellen, so leicht zu sein, dass es nicht fällt, sondern stattdessen auf der Stelle schweben bleibt. Alles, was es dazu benötigt, ist etwas Fantasie. Wie das funktioniert? Das ist eine sehr gute Frage, ich würde das auch gerne wissen, aber ich habe noch kein Schnurxel getroffen, das mir das hätte erklären können oder wollen.

»Na? Sag schon, hab ich recht oder nicht?« wiederholte der Vogel, und das Schnurxelchen entgegnete, ohne auf die Frage zu antworten: »Wer bist du denn jetzt eigentlich?«

Der Vogel machte einen kleinen Lufthopser und rief: »Wo hab ich nur meine Manieren«, flog daraufhin einen Luftpurzelbaum und plusterte sich wild flatternd vor dem Schnurxelchen auf:

»Ich bin Heinrich der Dritte vom rechten Ast, du darfst aber Henry zu mir sagen, das ist nicht so lang.«

Der kleine Vogel konnte zwar kein Wort Englisch, aber Henry gefiel ihm einfach besser als Heinrich oder Heiner. Glücklicherweise war auch bisher noch kein Englischlehrer in der Nähe gewesen, der sich über die Art, wie Henry seinen Namen aussprach, hätte aufregen können.

Henry jedenfalls, flog eine schnelle Runde um das Schnurxelchen herum, rief:

»Los jetzt, du musst dich nur darauf konzentrieren, dass du hinter mir her fliegst, dann klappt das schon« – und flatterte davon.

Wenn das Schnurxelchen auch keine Ahnung hatte, was Henry damit wohl gemeint hatte, alleine hierbleiben wollte es jedenfalls nicht, und kaum hatte es diese Feststellung gemacht, merkte es, dass es sich anfing zu bewegen und immer schneller werdend hinter Henry herflog.

Ehe es sich versah, flitzte es an Henry vorbei, genau auf eine beunruhigend schnell größer werdende Eiche zu und prallte mit einem Knall auf diese.

Nun musste Henry zum ersten Mal seit Langem ein unverhofftes Ausweichmanöver fliegen, um dem sich wild um sich selbst drehenden Schnurxel-Geschoss auszuweichen, das, wie ein Flummi, vom Eichenstamm abgeprallt war und nun genau in die entgegengesetzte Richtung flog.

»Hilfe« jammerte das Schnurxelchen, dem längst so schwindelig war, dass es nicht mehr wusste, wo oben und unten war.

Henrys Belustigung wandelte sich schnell in Besorgnis und mit einer eleganten, sehr engen Rechtskurve schoss er hinter dem Schnurxelchen her, pflückte das Schnurxelchen regelrecht aus der Luft und bremste das Schnurxelchen fast perfekt ab, wenn man mal von der Pirouette absieht, die Henry und das Schnurxelchen gemeinsam machten, bevor der Vogel den Flug wieder stabilisieren konnte.

»So, jetzt langt’s aber« schnaufte Henry. »Ich sehe schon ein paar Flugstunden brauchst du noch.«

Immer noch außer Atem prustete das Schnurxelchen »Dadadadadanke, für dddeine Hilfe.«

»Keine Ursache« zwitscherte Henry und flog nun, mit dem Schnurxelchen in den Krallen, zielsicher durch den Wald, immer in Richtung Nest, ohne zu merken, wie dem kleinen Schnurxelchen, nach einem erschöpften Gähnen, ganz allmählich die Augen zufielen.

Ein kleines bisschen zwickte sein Gewissen noch wegen seines Streichs, aber die Tatsache, dass dem Schnurxelchen nichts passiert war und dass es tatsächlich geflogen war, beruhigte ihn.

weiter zum 3. Kapitel

In dem das Schnurxelchen die Nestbewohner kennenlernt.

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In dem wir das erste Mal vom Schnurxelchen hören und von einem Schützling erfahren.
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